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Fellbach auf dem Weg zur fahrradgerechten Stadt

Bahnhofstraße - Radler gegen Fußgänger Auf die Bahnhofstraße mit ihrem Radweg war Fellbach jahrelang stolz. Diese Strecke, mit besten Willen angelegt, sorgt aber heute für ständige Auseinandersetzungen zwischen Motorisierten, Radlern und Fußgängern und wird salopp „Selbstmörderstrecke“ genannt. Die Briefflut in der Fellbacher Zeitung nach der Aktion „Unrad“ hat die Emotionen offen gelegt.
Es ist leicht, über rücksichtslose Radler zu schimpfen. Aber populistische "einfache Lösungen" sind wenig hilfreich. Sie polarisieren die Gesellschaft und vergiften das Klima.
Schwieriger - aber zielführender - ist es, Ursachen von Konflikten aufzudecken und zu beseitigen. Anstatt nur nach Strafen für Regelübertretungen zu rufen, ziehen wir es vor, diese schwierigere Aufgabe anzugehen. Sicher ist: Es gibt keine einfache Lösung dieser Aufgabe, aber zahlreiche fahrradfreundliche Städte zeigen uns, dass die Aufgabe lösbar ist.

Fahrrad-Schnellstraße in Arles, FrankreichDer Vielfalt des Radverkehrs gerecht werden

 Sicher sollte man der Empfehlung des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung folgen und baulich angelegte Radwege meiden, aber auf Radwege gänzlich zu verzichten wäre auch falsch. Die Vielfalt der Radfahrer und ihrer Bedürfnisse muss sich im verkehrspolitischen Angebot spiegeln: RadfahrerInnen, die auf schnelle Verbindungen angewiesen sind, brauchen Strecken, die eine zügige Fahrt ermöglichen. Am besten eine Fahrradstraße. Oder breiten Radstreifen auf der Fahrbahn. Radfahrer die sich nicht auf die Straße trauen bzw. bummeln wollen und immer wieder vor einem Geschäft parken, brauchen dafür weiterhin die Möglichkeit auf dem Bürgersteig zu fahren, dort wo es mit dem Zeichen „Radfahrer frei“ zugelassen ist.

Wieso aber trauen sich manche Radfahrer nicht auf die Straße?

Weil dort oft zu schnell gefahren wird. Neben Straßen, die zügige Autofahrt ermöglichen, brauchen wir viel mehr Straßen auf welchen keine Raserei möglich ist. Mit der Drosselung der zugelassenen Höchstgeschwindigkeit gewinnen wir jede Menge: Fließenden Verkehr (siehe Französische Autobahnen), weniger Lärm- und Feinstaubbelastung,  mehr Radverkehr ohne zusätzlichen Radwege und weniger Unfälle. Kostengünstig ist die Lösung auch noch.

Wieso werden wir Radfahrer nicht ernst genommen?

Radweg Bahnhofstrasse
Wieso meinen wir, dass das Fahrrad nur zum Spaß gefahren wird und nur die Motorisierten es eilig haben?
Will jemand im Halteverbot halten oder gibt es keinen freien Parkplatz, so wird selbstverständlich auf dem Radweg angehalten. Aus Seitenstraßen kommende Fahrzeuge blockieren häufig Radwege, bis sie weiterfahren können - die Vorfahrt der straßenbegleitenden Radwege bleibt Theorie. Sollen die Radfahrer doch absteigen und schieben!
Wieso lassen wir nicht mehr Einbahnstraßen für Radverkehr in beiden Richtungen zu?
Einbahnstraßen sind Einbahnstraßen, weil sie für zwei PKWs zu schmal sind. Bei ruhigem Verkehr (Wohngegend, Tempo-30-Zone) ist es allemal besser, sie für Fahrräder in beiden Richtungen freizugeben, als etwa die Radfahrer zu Umwegen auf zu engen Geh- und Radwegen oder auf vielbefahrenen Straßen zu zwingen.
Wieso glauben wir immer noch, dass Autofahrer die besseren Kunden sind und nur sie direkt vorm Geschäft parken müssen?
Es hält sich hartnäckig der Irrglaube, dass nur Parkplätze vor einem Laden Kunden anlocken. Dabei sind besonders in der Innenstadt viele Kunden mit dem Fahrrad unterwegs. Wollen wir den Anteil der radelnden Kunden erhöhen, so müssen wir ihnen auch zeigen, dass sie willkommen sind: Auf einem Autoparkplatz können problemlos zehn Fahrräder geparkt werden. Im Auto sitzen statistisch gesehen sowieso nur 1,2 Personen.

Sicherheit

Unfallstelle Radfahren an sich ist eine sehr sichere und gesunde Art der Fortbewegung. Es sind vielmehr die äußeren Umstände, wie falsche und unübersichtliche Radverkehrsführung sowie fehlende Gleichberechtigung des Radverkehrs, die das Radfahren unsicher machen.

Die viel erwähnte „fehlende Verkehrsmoral der Radfahrer“ ist nur eine von sehr vielen Aspekten. Eine Lösung nur dieses Problems ohne Verbesserung der Bedingungen und Infrastruktur ist nicht möglich.

Auch eine gute Verkehrs- und Stadtplanung kann hier Missstände beseitigen. Bei Unfällen, bei denen Radfahrer zu Schaden kommen, sagen die Unfallfahrer oft: "Ich habe nicht damit gerechnet" oder "Ich habe ihn übersehen". Mit übersichtlichen Knotenpunkten und einer klaren, für alle eindeutigen Verkehrsführung könnten viele Unfälle vermieden werden.

Eine sehr interessante Diskussion zu diesem Thema veranstaltete kürzlich in Fellbach die Ortsgruppe des Verkehrsclubs Deutschland. Die dort präsentierten Untersuchungen sind eine gute Basis für Maßnahmen zur Verbesserung der Sicherheit im Radverkehr.

Gleichberechtigung

Durch fehlende Gleichberechtigung des Radverkehrs ist gemeint, die oft anzutreffende Überzeugung mancher Autofahrer, dass den Radfahrern nicht die gleichen Rechte wie ihnen selbst zustehen. Sie erwarten, dass Radfahrer ihnen ausweichen, auf Vorfahrt verzichten und finden es normal, zum Brötchenholen oder Geldabheben mal kurz den Radweg zu blockieren.

Ein wichtiger Radweg Fellbachs Aber fehlende Gleichberechtigung heißt auch, dass an Baustellen Radwege einfach mal gesperrt werden, ohne dass man sich über Umleitungen Gedanken macht. Dass im Winter Radwege nicht immer von Schnee und Eis befreit werden. Dass Radlern immer wieder zugemutet wird, abzusteigen und zu schieben. Dass Radverkehrsanlagen, Ampeln und Furten für Radfahrer erst angelegt werden, wenn eine Kreuzung für mortorisierten Verkehr optimiert  ist, als gelte es, den "echten" Verkehr von Störungen durch Fahrräder und Fußgänger zu schützen

Wir müssen erreichen, dass auch die schwachen und langsamen Verkehrsteilnehmer sich ernst genommen fühlen, ihre Rechte kennen und auch wahrnehmen können. Erfahrungsgemäß ändert sich die Einstellung der motorisierten Verkehrsteilnehmer automatisch mit zunehmendem Radverkehrsanteil. Aber es ist auch eine Aufklärung der Autofahrer vonnöten - hier wären die zahlreichen Fellbacher Fahrschulen gefragt. Falsches Verhalten der Autofahrer resultiert ja nicht immer aus Böswilligkeit - viel öfter wissen Autofahrer eigentlich nicht, wie sie sich einem Radfahrer gegenüber verhalten sollen.

Wir brauchen auch eine Werbekampagne, insbesondere an Schulen, um das Image des Fahrrads als vollwertiges Verkehrsmittel zu etablieren. Die Stadtverwaltung braucht dabei weitere Unterstützung und die Einbeziehung von Radfahrern und ihren zahlreichen Organisationen.

Weitere Maßnahmen

Am wichtigsten ist eine fahrradfreundliche Verkehrsplanung – hier brauchen wir mutige Entscheidungen auf der Basis neuester Erkenntnisse und unter Einbeziehung möglichst vieler Teilnehmer und Betroffener.

Aber es gibt auch zahlreiche kleinere Maßnahmen, die das Fahrradklima verbessern können.

Die Stadt installiert gerade neue Bügel-Fahrradständer - als nächstes wären Fahrradboxen, vor allem am Bahnhof, willkommen. Das Problem des Vandalismus am Bahnhof muss bekämpft werden. Gerade die Kombination Fahrrad-ÖPNV verdient besondere Beachtung.

Rathaus als fahrradfreundlicher Betrieb – das ist ein gutes Vorbild um auch weitere in Fellbach ansässige Betriebe zu animieren. Fahrradförderung in Betrieben ist kostengünstig und bringt langfristig nicht nur Zufriedenheit und Klimaschutz, sondern auch Ersparnisse für den Betrieb selbst, vor allem durch gesündere Mitarbeiter und weniger Parkplätze.

Die Zukunft des Verkehrs gehört im großen Teil dem Fahrrad (auch als Pedelecs).

Schon bald kann Fellbach ähnliche Quoten (30-40 %) des Radverkehrs wie typische Rad-Städte erreichen. Und schon heute gilt:

Weder Räder noch Radler sind Verkehrshindernisse. Fahrrad ist Verkehrsmittel und RadfahrerIn ist VerkehrsteilnemerIn.



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